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Emotionsbegriffe als übersetzerische Herausforderung: Eine erste theoretische Annäherung und exemplarische Untersuchung am Beispiel der Trauermarschszene aus dem Tierepos „Reynke de Vos“ (Lübeck, 1498)

Цапаева Сабина Юрьевна — Д-р филос. наук, научный сотрудник Института германистики, Университет Гамбурга, Гамбург, ФРГ

Die Übersetzungswissenschaft stellt ein zweifelsohne breit gefächertes Feld dar, das zahlreiche Schnittstellen zu anderen Disziplinen bietet, darunter in einem ganz besonderen Maße zu Sprach- und Literaturwissenschaften. In erster Annäherung kann die Übersetzungswissenschaft als Wissenschaft vom Übersetzen und von den Übersetzungen definiert werden. Nach Koller [2, S. 5] beschäftige sie sich primär „mit dem Prozess des Übersetzens, d. h. dem Prozess, der von einem geschriebenen ausgangssprachlichen Text […] zu einem geschriebenen zielsprachlichen Text […], der Übersetzung, führt“. Die erste sprachphilosophische Frage, die sich in diesem Zusammenhang stellt, ist jedoch die nach der Arbitrarität und Kontingenz, mit welcher sprachliche Bedeutungen und die entsprechenden bedeutungstragenden Elemente zusammenhängen. Die Annahme, dass es keinen natürlichen Zusammenhang zwischen dem bedeutungstragenden Element und der zugehörigen Bedeutung gibt, kann inzwischen als allgemein gültig angesehen werden. Aus dieser Annahme lässt sich wiederum schließen, dass die Übersetzung eines beliebigen Wortes nur dann gelingen kann, wenn auch die Konnotation des Wortes, seine historische und kulturelle Einordnung sowie seine sprachhistorischen Eigenschaften in die translationsrelevante vorübersetzerische Analyse miteinbezogen werden. In den modernen Sprachstufen scheint diese Aufgabe noch irgendwie zu bewältigen sein, schließlich gibt es zahlreiche — darunter bilinguale — Sprecher:innen, die entsprechende Sprachkompetenzen aufweisen und ggf. befragt werden können, auch wenn es selbstverständlich weiterhin nennenswerte kulturelle und individuelle Unterschiede gibt, die nie außer Acht gelassen werden dürfen. Verlagert man den Fokus jedoch auf historische Sprachstufen, zeigt sich die Schwierigkeit, dass von der im weitesten Sinne literarischen Verarbeitung der Erfahrungen, Beobachtungen, Gefühle, Emotionen etc. direkt auf die dahinterstehenden Erfahrungen, Beobachtungen etc. geschlossen werden muss, um anschließend ein adäquates Äquivalent in den modernen Sprachstufen zu finden.

Ganz im besonderen Maße die Erforschung der Emotionen und der entsprechenden Emotionsbegriffe erscheint als keine banale Aufgabe, da hier zum einen häufig eine ausgeprägte Individualität und Unmittelbarkeit des Gefühls, zum anderen aber eine universell mögliche Deutung unterstellt wird. Gerade diese Binarität macht dieses Phänomen besonders interessant für übersetzungswissenschaftliche Überlegungen im Rahmen der Auseinandersetzung mit dem intra- wie interlingualen Übersetzen aus den historischen Sprachstufen.

Nähert man sich einem derart komplexen Thema an, gibt es übersetzungstheoretisch zwei Dinge zu beachten: Zunächst müssen die Besonderheiten des Übersetzens aus den historischen Sprachstufen allgemein in Betracht gezogen werden und mögliche Schwierigkeiten reflektiert werden, die damit einhergehen können. In einem weiteren Schritt gilt es dann, die Erkenntnisse der historischen Emotionsforschung in den Blick zu nehmen, um anschließend die entsprechenden Überlegungen exemplarisch am Beispiel von einer Trauerszene aus dem Lübecker Tierepos „Reynke de Vos“ (1498) zu veranschaulichen, bevor präliminäre Schlussfolgerungen formuliert werden können.

Bevor die Besonderheiten des Übersetzens aus den historischen Sprachstufen thematisiert werden können, soll eine stark komprimierte allgemeine Einführung in die Theorie des Übersetzens erfolgen, welche den Grundstein für alle späteren Erläuterungen bilden soll. Im folgenden Zitat beschreibt Sowinski [7, S. 16] den Übersetzungsvorgang und formuliert auf diese Weise eine Art Anleitung zum Übersetzen, die trotz ihrer Knappheit für alle denkbaren Übersetzungen gelten kann: „Die Übersetzungswissenschaft begreift [...] den Übersetzungsvorgang als zweisprachige Kommunikation: Ein Autor formuliert unter gewissen Vorannahmen über Empfänger (Rezipient) und Absichten (Intention) einen bestimmten Text in der Ausgangssprache (AS). Dieser AS-Text gelangt zum Übersetzer, der ihn in seinem vollen Informationsgehalt zu erfassen sucht (decodiert) und dann in die Zielsprache (ZS) überträgt (neu codiert), in der er von weiteren Empfängern verstanden (rezipiert) werden kann.“ Im angeführten Zitat sind bereits einige relevante Aspekte genannt, die beim Übersetzen aus den historischen Sprachstufen explizit zu beachten sind.

So solle zum einen der ausgangssprachliche Text in seinem vollen Informationsgehalt erfasst werden, was nicht nur die inhaltlich-semantische Textebene beinhaltet, sondern darüber hinaus auch die morphologische, syntaktische, pragmatische und stilistisch-formale Ebene miteinschließt [7, S. 16–17]. Um diesem komplexen Informationsgeflecht in der Übersetzung gerecht zu werden, sei es nach Sowinski unbedingt nötig, Kontext- und Hintergrundwissen mit zu erfassen und zu übertragen, denn „[d]er Übersetzer mittelhochdeutscher Texte der höfischen Epik oder des Minnesangs z. B. kann solche Begriffe nicht angemessen übersetzen, wenn er keine Einsichten in die höfische Gesellschaft und ihre Maßstäbe und Wertungen besitzt, die mit diesen Begriffen verbunden sind“ [7, S. 12]. Auf diese Weise entstehe eine Art Wechselwirkung zwischen dem Übersetzen und dem Erkennen [7, S. 12]. Dieses Erkennen von relevanten Kontextinformationen sei insbesondere auch beim Übersetzen einzelner Begriffe von Belang, da das zu schnelle Einordnen „von Wortformen und angenommenen Wortbedeutungen allzuleicht [sic!] eingetretene Bedeutungswandlungen übersieht“ [7, S. 20]. Gerade beim Übersetzen aus einer früheren Sprachstufe in die moderne Sprachstufe derselben Sprache, z. B. aus dem Mittel- oder Frühneuhochdeutschen ins Neuhochdeutsche, oder eben in die moderne Sprachstufe einer sehr nah verwandten Sprache, z. B. aus dem Mittelniederdeutschen ins Neuhochdeutsche, kann es recht schnell zu Missverständnissen kommen, wenn nicht umfassend überprüft wird, ob eventuell ein Bedeutungswandel vorliegen könnte. In diesem Zusammenhang weist Sowinski darauf hin, dass „[d]ie impliziten Bedeutungen etwa aufgrund andersartiger gesellschaftlicher wie kultureller Bedingungen bei Texten älterer Sprachstufen von größerer Wichtigkeit als bei Übersetzungen in modernen Sprachen sind“ [7, S. 20–21]. Dies ergibt sich u. a. dadurch, dass diese gesellschaftlichen und kulturellen Kontexte und Gegebenheiten in der Zeit zurückliegen und deshalb weniger gut zu überprüfen sind, als das bei modernen Sprachgemeinschaften der Fall ist, was wiederum dazu führt, dass der Grad der Andersartigkeit schwerer zu erfassen ist.

Um den Übersetzungsprozess zu erleichtern und durch sog. false friends geleitetes, reflexartiges Übersetzen zu vermeiden, soll der erste Schritt, ganz im besonderen Maße beim Übersetzen aus den historischen Sprachstufen, die übersetzungsrelevante Textanalyse, die u. a. eine kontextorientierte Einordnung des Textes einschließt, sein. Hierfür soll der Ausgangstext zunächst zeitlich und räumlich eingeordnet werden; anschließend soll die übersetzungsrelevante Textdimension erschlossen werden. Wie oben beschrieben, sollte die perfekte Übersetzung (in Theorie) alle Dimensionen miteinbeziehen; da dies jedoch nur eingeschränkt möglich ist, erscheint es sinnvoll, die für die Übersetzung am relevantesten erscheinenden Ebenen herauszuheben.

In Anbetracht des Gesagten stellt sich nun die Frage, inwiefern sich das oben beschriebene Übersetzungsverfahren speziell auf die Emotionsbegriffe anwenden lässt und welche Besonderheiten bzw. Schwierigkeiten einen in diesem Prozess erwarten. Wie Ortner treffend bemerkt, „[geben] Emotionswörter [...] ganz bestimmte Interpretationen vor, die in interkulturellen Untersuchungen in die Irre führen können“ [3, S. 150]; diachrone Untersuchungen können in diesem Zusammenhang durchaus zu den interkulturellen Untersuchungen gezählt werden.

Eine erste Annäherung an die historisch unterschiedlichen Emotionsbegriffe bieten die antiken philosophischen Abhandlungen bereits aus der Zeit vor Platon und Aristoteles, in denen die Gefühle als etwas beschrieben wurden, was von außen kommt und den Menschen erfasst oder übermannt [5, S. 24–25]. Erst mit Aristoteles wandelte sich diese Vorstellung dergestalt, dass Gefühle als etwas aus einem selbst Kommendes begriffen wurden. Wiederum laut Aristoteles konnten diese aus dem Inneren kommenden Gefühle sogar aktiv gesteuert und verändert werden [5, S. 25]. Der Emotionsprozess wurde zum damaligen Zeitpunkt als zweigeteilt wahrgenommen, nämlich ging man davon aus, dass dieser Prozess erst körperlich und erst im zweiten Schritt kognitiv-moralisch erfolgte [5, S. 25]. Laut der Viersäftelehre von Galen, die im 2. Jh. n. Chr. entwickelt wurde und die arabische wie europäische Medizin bis in die Renaissance hinein prägte, entstammten die Emotionen den körpereigenen Säften (gelbe Galle, schwarze Galle, Schleim, Blut) und beeinflussten so — je nach Mangel oder Überschuss im Körper — auch das Wesen und den emotionalen Zustand des Menschen [5, S. 26]. Eine einheitliche Kategorie der Emotion, die ganz dem Willen unterworfen wäre, wurde dagegen von Augustinus (354–430 n. Chr.) definiert. Im Mittelalter wurden die Emotionen schließlich ‚Affekte’ genannt und in der zeitgenössischen Theorie im Sinne einer ‚hydraulischen’ Vorstellung basaler Gefühle konzeptualisiert, „die, von außen kommend, den Menschen ‚anfüllen’, bis sie wieder aus ihm ‚herausquellen’“ [6, S. 112–116]. In der damaligen Vorstellung sollte der äußere Ausdruck im Idealfall der inneren Gefühlslage entsprechen und genauso umgekehrt, die Gefühle sollten sich in Regungen des Körpers manifestieren. Wie Schulz jedoch ausdrücklich betont, sollten „Körper und Seele, dem Ideal von mâze und zuht entsprechend, kontrolliert werden“ [6, S. 115]. Der italienische Kirchenlehrer und Philosoph Thomas von Aquin betrachtete wiederum die Affekte als eine entscheidende Motivationsquelle für Handlungen [4, S. 48].

Diese kurze historische Einordnung des Emotionsbegriffes zeigt die Kontingenz des Begriffs und des Konzeptes: „Wie wir beim philosophischen Emotionsdenken gesehen haben, ändert sich die Antwort auf die Frage, was Gefühle sind, im Laufe der Zeit beträchtlich. Man könnte einwenden, dass jene Antworten eben nur unterschiedliche Konzeptionen und Bezeichnungen für etwas sind, das durch alle Epochen hinweg gleich geblieben ist. Dann hätten Emotionen keine Geschichte; allenfalls Emotionskonzepte wären historisch wandelbar.“ [5, S. 42] Die Frage, ob die tatsächlichen Emotionen sich wandeln, bleibt allerdings offen und kann und soll weder durch Literatur-, noch Sprach- oder Übersetzungswissenschaft beantwortet werden, denn „[d]ie Literaturwissenschaft hat es primär mit Texten, aus Texten rekonstruierbaren Diskursen und durch Texte vermittelten Kontexten zu tun. In literaturwissenschaftlicher Perspektive sollte die Darstellung von Affekten und Emotionen vor allem auf die Funktion befragt werden, die sie im Rahmen textueller Bedeutungsproduktion haben.“ [6, S. 114]

Für die historische Übersetzungswissenschaft bedeutet das, dass in der literarischen Verarbeitung und Darstellung von Emotionen immer nach den damit verbundenen Gesellschafts- und Emotionskonzepten geschaut werden muss, da in den Texten indirekt Abbildungen der zeitgenössischen, z. B. antiken oder mittelalterlichen, Denk- und Gesellschaftsstrukturen entstünden: „Auch in der Sprache mittelalterlicher Texte haben häufig Gedanken und Wertungen der mittelalterlichen Gesellschaft und ihrer Autoren ihren Niederschlag gefunden, beispielsweise in zahlreichen Tugend- und Moralbegriffen, wie sie sowohl durch das Christentum als auch durch die höfische Adelsgesellschaft vermittelt worden waren.“ [7, S. 12]

Unter Einbeziehung dieser theoretischen Überlegungen soll nun im Folgenden der Versuch unternommen werden, exemplarisch Emotionsbegriffe der Trauer aus dem vierten Kapitel des ersten Buches des Lübecker Tierepos „Reynke de Vos“ [1] aus dem Mittelniederdeutschen ins Neuhochdeutsche zu übertragen und dabei die relevanten Übersetzungskriterien transparent zu reflektieren. Zunächst soll vollständigkeitshalber eine kurze Einordnung des Textes erfolgen.

Beim Lübecker „Reynke de Vos“ aus dem Jahre 1498 handelt es sich um die erste gedruckte (mittelnieder)deutsche Fassung des erfolgreichsten Tierepos des Mittelalters und der Frühen Neuzeit. Während der Verstext von den zahlreichen Abenteuern und unzähligen Verbrechen des Fuchses Reineke handelt, werden die letzteren in einer Kapitelglosse reflektiert und kommentiert. Dank dieser Kombination kann der Text als chrestomatisches Beispiel didaktisch-paränetischer Erbauungsliteratur gelten. Auch wenn diese Lübecker Inkunabel aus der Mohnkopfoffizin mehrmals in den Fokus der Forschung gerückt ist, wurden die Emotionsbegriffe bislang nicht thematisiert. Hier setzt die exemplarische Analyse an und nimmt den Trauermarsch für die Henne Kratzefuß näher unter die Lupe. Hahn Henning erscheint im vierten Kapitel des ersten Buches zusammen mit seiner Sippe am Hof des Königs Nobel und betrauert den Tod seiner geliebten Tochter Kratzefuß sowie anderer Kinder, die von Reineke auf eine gewaltvolle Weise umgebracht worden sind: „De hane quam vor den konnynck stan / Vnde sach ene seer drofflyk an. / He hadde by syk twey hanen groet, / Se drouych weren vmme dessen dot.“ [1, S. 38]

An dieser Textstelle lassen sich gleich mehrere Aspekte der Darstellung von Trauer und dem Umgang mit dieser herauslesen. Als erstes fällt auf, wie offen die Emotionslage kommuniziert wird: „Vnde sach ene seer drofflyk an“ [1, S. 38]. Drö̂flĩk könnte als ‚betrübt, traurig, niedergeschlagen’ übersetzt werden, was bedeuten würde, dass der Hahn den König sehr betrübt, sehr traurig ansah. Gernentz verwendet an dieser Stelle ‚tieftraurig’, was im neuhochdeutschen Verständnis eine sehr viel tiefgreifendere Emotion beschreiben würde. Als nächstes geht der Verfasser auf den emotionalen Zustand von zwei weiteren Hähnen ein: „Se drouych weren vmme dessen dot“ [1, S. 38]; die beiden werden wieder als ‚traurig’, ‚betrübt’ bezeichnet. Gernentz fügt an dieser Stelle das Adverb ‚zutiefst’ ein und entscheidet sich somit erneut für eine Steigerung. Diese übersetzerische Entscheidung lässt sich plausibilisieren, wenn man sich die Ergebnisse der historischen Emotionsforschung näher ansieht: Die Darstellung übermäßiger Affekte dient in der erzählerischen Logik häufig der Herstellung von Authentizität [6, S. 115] und Identität und schafft so glaubwürdige Charaktere. Wenn man nun davon ausgeht, dass diese Maßlosigkeit des Affektes, hier des Trauerns, eine etablierte und diskursfähige Methode zur Herstellung von Authentizität in Texten war, scheint es sinnvoll, dies auch beim Übersetzen zu berücksichtigen und im Neuhochdeutschen ebenfalls starke Emotionsbegriffe zu verwenden. Allerdings gibt es mindestens eine weitere Interpretationsebene in diesem Zusammenhang: Das Verhalten der Sippe von Hahn Henning allgemein und das Trauern speziell wird in der Forschung häufiger als übertrieben beschrieben und entsprechend negativ konnotiert. Die übersetzerischen Entscheidungen zugunsten markierter Ausdrücke können auch in diesem Fall als gerechtfertigt bewertet werden.

In seiner Abhandlung über die Erzähltheorie in mediävistischer Perspektive macht Schulz deutlich, dass auch wenn das Mittelalter eine Zeit der öffentlich zur Schau gestellten großen Emotionen sei, diese Emotionen doch v. a. eine rituelle Funktion haben und ihr Ausdruck durch ihre rituelle Einbettung kanalisiert werde [6, S. 114]. Diese Einbettung in einen rituellen Kontext lässt sich auch in der untersuchten Szene erkennen: „Se drogen malk en bernende lycht. / Der hennen broder weren desse twee. / Se repen beyde wach vnde wee; / Vmme Krassevoet erer suster doet / Dreuen se ruwe vnde droffenysse groet. / Noch weren twey ander, de drogen de boren; / Men mochte ere droffenysse vern horen.“ [1, S. 38]

Die Trauer der Hähne wird durch eine Art Trauermarsch dargestellt und sichtbar gemacht. „Se drogen malk en bernende lycht. / Der hennen broder weren desse twee“ wird in der Gernentzschen Übersetzung zu „Brüder waren’s der armen Henne / für die sie die Todesfackeln trugen“ [1, S. 39]. Die nicht-wörtliche Übersetzung ‚Todesfackel’ statt ‚brennendes Licht’ oder ‚Fackel’ scheint hier sinnvoll, um das Ritualhafte der Handlung herauszustellen und zu suggerieren, dass diese Art der Trauerdarstellung eine etablierte Form ist, die sowohl von den Protagonist:innen des Epos als auch von seinen Rezipient:innen erkannt werden kann. Das Hinzufügen des Adjektivs ‚arme’ ist hier vermutlich dem Rhythmus des Verses geschuldet, kann aber genauso inhaltlich begründet sein; der Ausgangstext gibt keine weiteren Hinweise zum Todesopfer.

Die Passage „Se repen beyde wach vnde wee“ übersetzt Gernentz als „Mit Ach und Weh beklagten sie [Kratzefuß, die tote Schwester]“ [1, S. 39], wörtlich übersetzt hieße der Satz jedoch ‚Sie riefen [oder: schrien] beide [oh] weh, [oh] weh’. Wach unde wê sind beides Ausrufe des Schreckens, Schmerzes oder Leids; im Mittelniederdeutschen werden sie häufig als Paarformel verwendet. Gernentz entscheidet sich für eine ähnlich klingende, jedoch insgesamt schwächer konnotierte und weniger frequente Zwillingsformel. In Verbindung mit dem Verb ‚beklagen’ entspricht die Übersetzung aus stilistisch-formaler Sicht nicht dem Original und kann den Umfang, die Tragweite und die Intensität der Ausrufe nicht ganz fassen. Im Kontext des gesamten Kapitels erscheint diese übersetzerische Entscheidung jedoch durchaus legitim, schließlich wählt Gernentz an anderen Stellen stärkere Ausdrücke als vom Original vorgegeben.

Eine interessante Lösung findet Gernentz für die Zeilen „Vmme Krassevoet erer suster doet / Dreuen se ruwe vnde droffenysse groet“ [1, S. 38], die er mit „Trauerlieder sangen sie“ [1, S. 39] übersetzt. Auf diese Weise findet eine weitere rituelle Einbettung, hier durch kulturell tradierte Trauerlieder, statt. Ebenso ritualisiert erscheint die Handlung, die in den folgenden Zeilen dargestellt wird: „Noch weren twey ander, de drogen de boren; / Men mochte ere droffenysse vern horen.“ [1, S. 38] Die öffentliche Ausstellung des Leichnams der zu betrauernden Person — der personifizierten Henne — scheint hier zum einen eine Maßnahme zu sein, um das Leid und die Trauer sichtbar zu machen und in Szene zu setzen. Zum anderen soll die Aufbahrung und die öffentliche Ausstellung der toten Henne mehr Authentizität erzeugen und die Anklage des verbrecherischen Fuchses Reineke mit einem corpus delicti untermauern.

Der in der beschriebenen Szene stark ritualisierte Trauermarsch und die (übertriebene) Ehrerbietung der Henne Kratzefuß parallel zum Wunsch nach Rache an Reineke können u. a. damit erklärt werden, dass die Emotion der Trauer im Mittelalter häufig in Verbindung mit solchen Affekten wie schame, zorn und êre gebracht wurde [3, S. 149]. Ferner argumentiert Schulz [6, S. 116], dass „[d]ie wahrnehmbare Authentizität des Leids“ für die Hilfe Dritter sorgen solle und die Äußerung der scheinbar unkontrollierbaren Affekte in der Handlung eine gemeinschaftsstiftende Funktion einnehmen. Der Dritte ist in diesem Fall der König Nobel, von den sich Hahn Henning und seine Sippe Hilfe erhoffen. Der gesamte Totenzug ist somit auf den König ausgerichtet und für ihn inszeniert. Die Anklage, die am Ende gestellt wird, ist entsprechend erwartbar; sie reiht sich ferner in eine Sequenz ähnlicher Anklagen und Trauerbekundungen ein, wodurch der rituelle und gemeinschaftsstiftende Charakter der Trauerdarstellung wiederum noch deutlicher wird. Zusätzlich lässt sich an der gesamten Logik des besprochenen Abschnittes auch Thomas von Aquins These nachvollziehen, die besagt, dass sinnliche Emotionen neben Intellekt und Willen eine wesentliche Motivationsquelle für Handlungen darstellen [4, S. 48].

Nach dieser Annäherung an die Thematik der historischen Emotionsforschung und dem Versuch einer Reflexion der vorliegenden Übersetzung und Einordnung des analysierten Abschnittes aus dem Lübecker „Reynke de Vos“ ist deutlich geworden, wie aufwendig und komplex sich die Praxis des Übersetzens generell und insbesondere des intra- wie interlingualen Übersetzens aus den historischen Sprachstufen gestaltet. Trotz der hier beschriebenen rituellen Handlungen bleibt es weiterhin eine Herausforderung, diese in bereits aus anderen Schriften bekannte kulturelle Muster und Kontexte einzubetten.

Des Weiteren bleibt festzuhalten, dass eine adäquate Übersetzung einzelner Emotionsbegriffe nicht immer eindeutig ist und deswegen unter dem Strich immer eine übersetzerische und stilistische Entscheidung bleibt. Dem/der Übersetzer:in stehen zwei polare Optionen zur Verfügung: Im ersten Fall kann der Versuch unternommen werden, die Ausgangskultur möglichst genau abzubilden. Andernfalls kann der Fokus auf die Zielkultur und die für sie angemessene Ausdrucksweise gerichtet werden. Die übersetzerische Wahrheit liegt womöglich irgendwo zwischen diesen Polen.

Um generalisierende Aussagen zu erlauben, würde es sich zweifelsohne lohnen, das gesamte Tierepos und seine gängigen Übersetzungen unter die Lupe zu nehmen. Einen noch umfassenderen Blick würde dagegen eine kontrastiv-vergleichende Analyse der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Bestseller und ihrer Übersetzungen gewähren.

Literaturverzeichnis

1.    Gernentz H. J. Reynke de Vos. Nach der Lübecker Ausgabe von 1498 hrsg. und ins Neuhochdeutsche übertr. Rostock: Hinstorff, 1987. 581 S.

2.    Koller W. Einführung in die Übersetzungswissenschaft. 8., neubearb. Auflage. Tübingen: Francke, 2011. 349 S.

3.    Ortner H. Text und Emotion. Theorie, Methode und Anwendungsbeispiele emotionslinguistischer Textanalyse. Tübingen: Narr, 2014. 485 S.

4.    Perler D. Transformationen der Gefühle. Philosophische Emotionstheorien 1270–1670. Frankfurt am Main: Fischer, 2011. 532 S.

5.    Plamper J. Geschichte und Gefühl. Grundlagen der Emotionsgeschichte. München: Siedler, 2012. 477 S.

6.    Schulz A. Erzähltheorie in mediävistischer Perspektive. Berlin: de Gruyter, 2012. 431 S.

7.    Sowinski B. Probleme des Übersetzens aus älteren deutschen Texten. Bern — Berlin — Frankfurt am Main: Lang, 1992. 195 S.